Blick auf die Leinwand : Twin Peaks
par Anke Sternberg
"Ich seh` da keinen großen Unterschied", sagt David Lynch, "in keiner Weise. Für mich ist es eine ganz normale Fernsehserie." Als nacheinander einige Filmprojekte scheiterten, ließ er sich zum Experiment Fernsehen breitschlagen, produzierte, schrieb und inszenierte den zweistündigen Pilotfilm und eine von sieben Folgen. Lynch demontierte die Ordnung der Welt und des Fernsehens auf subversive Weise. Wenn er Fernsehen macht, dann ist das, als würden sich Kino und Fernsehen sich gegenseitig entdecken. Dort, wo die Landschaft der nordamerikanischen Provinz am idyllischten erscheint, in den Kiefernwäldern hinter einem rauschenden Wasserfall liegt ein kleiner, mit "Blue Velvet`s" Lumberton eng verwandter Ort: Twin Peaks. Hinter der einlullenden Schönheit amerikanischer Fünfziger-Jahre-Provinz, hinter den bunten Oberflächen und den lachenden Gesichtern der Bewohner liegen düstere Abgründe, liegen Eros, Verbrechen und Tod. So wie beinahe jeder hier neben dem Ehepartner oder Freund noch einen Geliebten hat, so hat alles hier seine Zwillingsseite im dunkeln. 

Ausgehend von der Leiche der jungen, schönen, blonden Laura Palmer breitet sich von einer Folge zur nächsten ein Netz von Verstrickungen aus zu einem Serienstammbaum kleiner und großer Verbrecher, einem Stammbaum, der sich immer weiter verzweigt. Der Mord sprengt die Oberflächen des Örtchens: Ein Spezial-Agent kommt in das Städtchen, um dem ortsansässigen Sheriff bei der Aufklärung zu helfen. Er wird von Kyle MacLachlan in subversiver Zurückhaltung gespielt. In seinen fast faden Gesichtszügen hatte Lynch schon in "Dune" und "Blue Velvet" außergewöhnliche Ereignisse gespiegelt. In ihm treffen sich der scheinbar unbeholfene Amateurdetektiv und der analytische Profi, so wie die Tagesberichte, die er unablässig an "Diane", ein kleines Diktiergerät, adressiert, eine Mischung sind aus verspieltem Tagebuch und sachlichem Polizeibericht. Lynch vereint die größten Gegensätze, setzt das Allerwichtigste und Allerbanalste bruchlos, mit allergrößter Selbstverständlichkeit nebeneinander, setzt Reales direkt neben Unwirkliches und Gutes direkt neben Böses. Die Detektivgeschichte wird nicht von den großen Ergebnissen beherrscht, die Gewichte haben sich verlagert, die Details bestimmen das Ganze, die Großaufnahmen gehören den Dingen, den Doughnuts, einem Walkie-talkie, den ineinandergreifenden Zahnrädern einer Sägemühle, einer Kokosnuß oder einem Herzchenanhänger. Ein bei jeder kleinen Erschütterung in Tränen ausbrechender Police-Officer, eine Frau mit einem Baumstamm als Gefährten, ein hysterisch um seine Tochter trauernder Vater: auch das Exaltierteste wird mit einer Attitüde größter Selbstverständlichkeit offeriert. Dem Allerbösesten wird eine urenglische Qualität des Humors verliehen. David Lynch arbeitet gleichermaßen mit wie gegen die Serie. Immer wieder lenken die alles durchziehenden running Gags und ihre unendliche Variation von der Folge der Indizien ab. David Lynch begeht die Unverschämtheit, einen einzigen Mord zum Zentrum einer ganzen Fernsehserie zu machen, ihn langsam aus den Augen zu verlieren und am Ende nicht einmal zu lösen. Lynch verführt nicht nur zur nächsten Folge, sondern macht süchtig, alles immer wieder zu sehen.

Anke Sternberg
Tagesspiegel, 24 Août 1990

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