Heiter der Ernst, sinnlos der Sinn, Welt die Kunst!
par Clara Drechsler
Clara Drechsler über den "Twin-Peaks"-Kult praecox und die Philosophie seines Regisseurs.
"Ist David Lynch David Byrne?" ("Spy")

Spätestens seit "Kampf gegen die Mafia" ist man von RTL-Serien einiges gewohnt. Die seltsamen Umtriebe des V-Manns Vinnie Terranova brachen allerdings ganz unerwartet über das Fernsehpublikum herein. Nicht so "Twin Peaks", das wie die Simpsons (oder seinerzeit "Miami Vice") bereits zu jedermanns Kultkosmos gehört, ohne das man`s je gesehen hat. Zusätzlich geht jetzt eine eigens von RTL berufene Promoagentur daran, Deutschland über den "schrägen Reiz von Twin Peaks" aufzuklären.

Frauenzeitschriften und Stadtzeitungen raunen schon von berückend schönen Bildern und völlig irrer Handlung und warnen zwischen den Zeilen, das hier sei nichts für die ganz Blöden (obwohl die mit berückend schönen Bildern ja auch noch ganz gut bedient sind). David Lynch, bekannt und beliebt für seine berückend schönen Psycho-Schinken, und Mike Frost, der Drehbuchautor, der ebenfalls, leider mangels Vorarbeit weniger erfolgreich, auf RTL gelaufenen Serie "Hill Street Blues" hatte sich eines Tages gemeinsam die Aufgabe gestellt, das amerikanische Publikum mit einer Soap-Opera mit Mörderjagd zu überraschen, die a) unheimlich Lynch ist und b) ein richtig schöner Straßenfeger alter Schule und in dem c) Lynchs berüchtigtem Musikgeschmack in Form der unvermittelt in einer der berüchtigten Lynchschen Kneipenszenen herumsingenden Julee Cruise Rechnung getragen wird, was ihnen im Handstreich glückte. Die Serie lief in Amerika publikumsgunstkonform in vier Staffeln a sieben Folgen, von denen RTL, gewohnt pragmatisch, nur die unerläßlichen ersten 20 gekauft hat. Danach hatte Agent Cooper ohnehin nur noch arbeitslos in Twin Peaks abgehangen, weil entfesselte Fans gegen die Absetzung der Serie protestiert hatten, indem sie verschimmelte Kirschkuchen (Lieblingsspeise des Ermittlers) an den Sender schickten.

Über eine Serie zu schreiben, von der das ganze Abendland bereits weiß, daß sie Kult sein wird, während Merzenich die Produktion von "Agent-Cooper-Kirschkuchen" anlaufen läßt, noch ehe der genaue Sendetermin feststeht, ist kein Spaß mehr. Wenn es mit rechten Dingen zugeht, läßt man sich von widerwilliger Neugier getrieben in den Sog jedweden Schwachsinns ziehen, um eines Tages in der Kneipe aufzuwachen und sich mit ähnlich mit Gesetz der Serie folgenden Idioten in angeregtem Gespräch über irgendwelche Detailfragen wiederzufinden. Frühestens Wochen später haben dann erste Artikel in Fanzines zu erscheinen. Ab ca. Folge 15 dürfte man dann das geheime Tagebuch des Mordopfers kaufen wollen, oder seine Tochter nach Agent Coopers notorischem Diktaphon "Diane" benennen. Aber nein: wenn der Verursacher David Lynch heißt, darf natürlich kein Tropfen der kostbaren Soße verloren gehen. Zwei Herangehensweisen schwebten mir vor: entweder sich alle, aber auch alle Folgen an einem einzigen Tag auf Vorabvideos anzusehen und sich so selbst jeden Nervenkitzels zu berauben, ja, im Gegenteil, sich stinkendem Überdruß auszusetzen, oder in prunkvoller Aufmachung das Script der Folge abzudrucken, in der der Mörder entlarvt wird. Aus beiden wurde nichts. Daher nur eine wichtige Vorabinformation: "Twin Peaks" ist ungefähr so "schwierig" und "unverständlich" wie "Der Name der Rose", überhaupt nicht also. Wenn man sich um in der Tat ultrasinnlose Schönheit herumkämpft, unterhält einen "Twin Peaks" durch traumwandlerisch beknackte Echt-Soap-Opera-Dialoge, mehrfach hervorragend inszeniertes Einen-Raum-Betreten, ja, Szenen, der Peinlichkeit, die Benny Hill nicht von der Bettkante stoßen würde, und natürlich den zarten, enigmatischen, engagierten, scharfsichtigen, still-vornehmen, mit Begeisterungsfähigkeit für Eßbares, Naturschönheiten und alles Menschliche reich gesegneten, kurz zauberhaften Agent Cooper, dessen unaufdringlich vorgebrachte Schoten immer voll überzeugen. 20 Folgen lang kann man sich an Kyle MacLachlans Anblick weiden - das allein sollte genügen.

Die Amis, das Volk in der pausenlosen Sinnkrise, brachten es allerdings fertig, sich nationwide zu fragen, was ein Zwerg in einem Traum zu bedeuten hat, noch angestachelt durch Lynchs Blödsinnskommentar, er wisse nicht, warum Kunst Sinn ergeben müsse, das Leben selbst ergebe schließlich keinen Sinn. Was er dabei außer Acht ließ, ist, daß das Leben keinen Sinn zu ergeben braucht, dafür findet es in unnachahmlicher Weise statt. Es hat einen bestimmten zweck (es so lange wie möglich zu erhalten) und macht im weiteren Verlauf jede Menge Sinn am Rande. Von Kunst, die schließlich ein bewußt komplizierter Vorgang ist, kann man allerdings erwarten, daß sie Sinn ergibt, und sie tut es eigentlich immer, seit man es von ihr erwartet (=Aufklärung, auch schon lange her). Lynch, ausnahmsweise mal volkstümlich, hat natürlich sagen wollen: "Was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht", und sich durch Megaerfolg kokett Lügen gestraft. "Kunst", die keinen Sinn macht, gelingt bei "Twin Peaks" immer da am besten, wo sie das Leben besser kopiert. Nur Filmkritiker, die offensichtlich lange vergessen haben, daß Träume im wirklichen Leben ganz anders aussehen als normalerweise in Filmen, können sich wundern. Jeder Mensch, der schonmal selbst geschlafen hat, weiß aus Erfahrung, daß vermeintlich im Traum gefundene Lösungen sich wenige Minuten nach dem Aufwachen meist in ein betrüblich unhilfreiches "Ihr Lieblingskaugummi wird wieder hergestellt" verwandelt haben, Zwerge hingegen nichts bedeuten, außer daß David Lynch eine Vorliebe für skurrile Geschöpfe hat, wie so viele vor und mit ihm. So geschieht es Agent Cooper, ohne daß er im festen Glauben an die Nützlichkeit seines Traums wankend wird. Schließlich hält er sich auch für einen Seelenbruder des Dalai Lama. Wie im wirklichen Leben viele exzentrische Handlungen Sinn ergebn, wenn man ihre Personenbezogenheit berücksichtigt, könnte man auch hier einiges als sinnvoll tolerieren: Wenn ich in meinem Zimmer tanze, weiß ich warum - gehen wir doch davon aus, daß auch Laura Palmers Vater weiß, warum er mit einem Bild der Verblichenen zu "Pennsylvania 65000" durchs Wohnzimmer tanzen muß. (Schwieriger wird es bei der "Entdeckung" Sherilyn Fenn werden, die sich hier, ganz freches aber sensibles Gör, ununterbrochen lockend an irgendwelchen Wänden entlangschiebt und als zukünftiges Lancome-Gesicht anbietet.) Einer von Lynchs besseren Tricks ist es, die sich an Nebensächlichkeiten entzündende Frage "Was soll der Scheiß", ganz wie im wirklichen Leben, in würdiger Lakonie sterben zu lassen. So blicken wir im Pilotfilm in einer Einstellung (wie von der anderen Seite Agent Cooper und Sheriff Truman) gerade lang genug fassungslos auf einen den ganzen Bildvordergrund dekorativ ausfüllenden ausgestopften Hirschkopf, um uns zu fragen "Was zum Teufel", ehe eine Sekretärin Ex Machina eintritt und sagt: "Ach, der muß runtergefallen sein." Was wir daraus lernen: Shit happens.

Clara Drechsler
Spex, Septembre 1991

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