Die Dunkle Seite Der Idylle
par Eva Hohenberger
Zum Fernsehstart von David Lynchs "Twin Peaks"

Twin Peaks ist eine kleine amerikanische Stadt in den Bergen, nahe der Grenze zu Kanada. Wenn man die Zufahrtsstraße durch den Wald nimmt, wird man von einem Ortsschild begrüßt, das zwei schneebedeckte Bergspitzen zeigt und neben dem Willkommensgruß die Einwohnerzahl vermeldet: population 51.201. Wenn der Special Agent des FBI, Dale Cooper, nach Twin Peaks kommt, weiß er schon, daß die Einwohnerzahl nicht mehr stimmt. Bevor er sich aber an die Arbeit macht, genießt er die Landschaft mit ihren wunderschönen Bäumen und spricht seine Eindrücke wie später noch so oft seiner abwesenden Sekretärin Diana ins Diktaphon. Dale Cooper wird sich in Twin Peaks verlieben; nirgendwo anders, so scheint ihm, schmeckt der Kaffee so gut und gibt es so viele gute Kuchen. Dale Cooper ist sentimental, ohne kitschig zu sein; er kommt aus der Großstadt und Verbrechen sind sein Job. Er weiß, daß man Rätsel mit Intellekt und Intuition löst; er bevorzugt moderne Methoden und hält doch auch Träume für wertvolle Ratgeber. "Mein Traum ist ein Code", sagt er, "knack den Code und klär das Verbrechen auf." Das Verbrechen wurde begangen an Laura Palmer, einer 17jährigen Schülerin, die in eine Plastikplane gehüllt tot aufgefunden wird, und nun treibt die Suche Dale Coopers nach dem Mörder die Geschichte voran. Schritt für Schritt löst er dabei ebensoviele Rätsel wie er neue findet, währenddessen die Tote immer lebendiger wird. So viele Seiten sie als Bild gewinnt - von der erstarrten Leiche wird sie zum tanzenden Mädchen auf Videofilm, und beides hat kaum zu tun mit dem Foto in der elterlichen Wohnung-, so viele Seiten zeigt sie auch als Person: entgegen aller Erwartung hinterläßt sie mehrere Liebhaber, viel zu viel Geld und Kokain. So sehr befaßt sich Cooper mit seinem Fall, daß er von Laura Palmer träumt. Sie küßt ihn, der 25 Jahre älter geworden ist, und flüstert ihm den Namen des Mörders ins Ohr. Da er ihn aber am nächten Morgen vergessen hat, geht die Suche weiter.

Gier als Triebkraft
"Twin Peaks" ist eine Fernsehserie; als Serie ist sie wie alle anderen, und ist es auch wieder nicht. Zwar besteht auch sie aus einem 90minütigen Pilotfilm und vielen 45minütigen Folgen, zwar gehorcht auch sie jener Dramaturgie der kleinsten Handlungseinheiten, in der die Werbespots bereits hineingedacht sind, und natürlich hält auch sie in jeder Folge ein spezielles Rätsel bereit, um dessen Lösung willen man die nächste Folge wiedersehen will, doch David Lynch, der zusammen mit Mark Frost das Drehbuch schrieb und zumindest den Pilotfilm auch selbst inszenierte, wäre nicht David Lynch, gäbe er dem Strukturkorsett einer Serie nicht seine eigene Prägung: die Welt der Kleinstadt-Idylle, die Schreckliches verbirgt, die faszinierend dunkle Seite bürgerlich wohlanständiger Existenz, die erst auffällt, wenn es zum Verbrechen kommt, die Gier (nach Verwandlung, nach Sex, nach Geld, nach Rache) als Treibkraft menschlichen Handelns und die romantische Liebe, die sich den Kinderblick wahrend vor all dem schützen und retten muß - dies sind nach "Eraserhead", "Blue Velvet" und "Wild at Heart" wiedererkennbare Topoi in den Geschichten des David Lynch. "Twin Peaks" verbreitert und verzweigt eine solche Geschichte wie einen Fortsetzungsroman und bleibt doch ein Film, der das Fernsehen für seine Zwecke nutzt, ohne sich ihm auszuliefern. Lynch spinnt seine Obsessionen weiter und bevölkert seine Welt mit den bekannten Figuren des unschuldig schuldigen Helden, der zum Albtraum verführenden Frau und der hysterischen Mutter einer Tochter; er arbeitet mit vertrauten Schauspielern wie Kyle MacLachlan ("Blue Velvet" und "Dune") oder Jack Nance ("Eraserhead"), und wieder einmal hat Angelo Badalamenti (nach "Blue Velvet" und "Wild at Heart") den Soundtrack komponiert. Auch wenn in Amerika nach einem furiosen Start der Serie im April 1990 das Publikumsinteresse von 33 auf 10 Prozentgesunken ist (und mit ihm die Meinung der Kritiker), dürfte es sich hierbei doch eher um eine Normalisierung nach aufgeputschten Medienkampagnen handeln, als daß man darin einen wirklichen Qualitätsverlust der Serie selbst zu sehen hätte. Denn "Twin Peaks" unterscheidet sich in vielem wohltuend von den Nichtigkeiten aus Dallas, Denver und dem Schwarzwald: in den Dialogen, in den Bildern, in einigen raffinierten Schnitten und vor allem in den Figuren. Lynch charakterisiert seine Figuren nämlich nicht dadurch, daß er sie über sich sprechen läßt, sondern durch die Äußerlichkeiten körperlicher Ticks, den Gebrauch bestimmter Dinge und die Reaktionen der anderen Figuren. Er legt falsche Spuren und stellt Fragen, die nicht unbedingt beantwortet werden. Warum weint der Hilfssheriff Andy beim Anblick der Toten? Warum tritt Doktor Jacoby mit Ohrenstöpseln auf? Warum zetert die Ehefrau des Tankwarts Ed über aufzuhängende Gardinen und trägt eine Augenklappe? Warum läuft Audrey Hornes Bruder mit Indianerkopfschmuck herum? Warum hat Lauras Vater einen Tanzfimmel? Lynchs Strategie der Veräußerlichung ist nicht nur filmisch beredt, sie ist auch spannend, weil die Figuren nicht so leicht zu durchschauen sind. Wo man in der dritten Folge einer jeden Serie die Personen bereits als gut oder böse identifiziert hat und auf das Wiedererkennen des Immergleichen vertraut, zieht man hier Schlüsse, nur um sich im nächsten Moment in die Irre geführt zu sehen.

Spiel mit Fantasie
Jede Figur und jede Handlung gewinnt dadurch einen Überschuß an Sinn, und nichts bleibt, wie es zunächst schien. In "Twin Peaks" geht es zu wie in einem Fantasy-Spiel: nach Regeln zwar, doch auch mit kindlicher Fantasie, die sich um eine realitätsgerechte Wahrnehmung von Detail und Logik nicht kümmert. Niemand käme wohl gleich auf die Idee, daß Eds Frau Nadine nicht nur meckert, weil Ed vergessen hat, ihr die Gardinen aufzuhängen, sondern weil sie völlig besessen ist von der Idee, die geräuschlose Gardinenstange zu erfinden. Man hält ihre Ehe für unglücklich, weil Ed ein Verhältnis mit der Besitzerin des coffee shop hat und ist dann wieder verwundert über die Liebeserklärung Nadines, nachdem ihr die Erfindung endlich glückt. Man erwartet, daß der örtliche Sheriff natürlich mürrisch reagiert, wenn der FBI-Agent ihm die Kompetenzen kappt, doch stattdessen trägt er ihm die geliebten Doughnuts zu. Man erwartet, daß der korrekte Cooper nur der Erfahrung vertraut und muß zur Kenntnis nehmen, daß die Lektüre des Dalai Lama ihn ach den Zufall nutzen lehrte. Wie die wirklichen Empiriker aussehen, zeigt Lynch später. Das geschickte Spiel mit den Erwartungen, die aufgebaut und nicht bedient werden, beruht auf dem, was man sehen und wissen kann und dem, was nur Vermutung bleibt. Den Nachforschungen Dale Coopers ist man jedenfalls in vielem voraus. Man weiß, daß Sheriff Truman ein Verhältnis mit der Sägewerksbesitzerin hat und daß diese vermutlich von der Schwägerin betrogen wird, Dale Cooper weiß es nicht. Und während er sich noch bemüht, den Fall schnell und effektiv zu lösen, weiß man schon, daß er bald verstrickt sein wird. Denn das Geheimnis von "Twin Peaks" ist nur vordergründig identisch mit dem Geheimnis des Mordes an Laura Palmer. Das Geheimnis von "Twin Peaks" ist das Geheimnis jedes seiner Bewohner und die Kleinstadt nur ein Abbild der großen Welt. Die Filme von David Lynch handeln immer von der Versuchung des Kleinbürgers, der bleiben will, was er ist, und der getrieben wird, die andere Seite auch zu sehen. Insofern wird die Suche Dale Coopers bestimmt ein Ergebnis haben.
("Twin Peaks" wird ab 10. September mit 20 Folgen von RTL plus ausgestrahlt. Der Pilotfilm kommt in einigen Städten auch in die Kinos.)

Eva Hohenberger
film-dienst: Film und Fernsehen, 1990

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